Verwurzelt

 

Amtstür 27, Abteilung C/2, III. Stock, Türe 1.

Ein Klopfen an der Tür.

Beamter: „Herein.“

Ein kleiner fremdländisch aussehender Mann betritt die Amtsstube. „Guten Tag, Herr Beamte.“

Beamter: „Ach ja!

Er kramt umständlich in einem Aktenberg auf seiner linken Schreibtischseite. Als er den betreffenden Akt findet, meint er: „Richtig. Herr Ali Atalan. Sie haben einen Termin wegen eines Antrages auf Einbürgerung. Es benötigt der Beweisführung Ihrer Integrationswilligkeit, Sie verstehen?“

Herr Ali Atalan nickt.

Beamter: „Setzen Sie sich, Herr Ali. Der Einfachheit halber nenne ich Sie Herr Ali, wenn es recht ist.“

Herr Ali nickt zustimmend, setzt sich dem Beamten gegenüber, während der den Akt studiert.

Als ihm das Warten zu lange wird, beginnt Herr Ali zu reden: „Sie wissen – ich in Gemeinde sehr eingebunden. Sehen Sie, ich und meine Familie Namen ändern. Wir bald heißen Bruckner, zu Ehren von die berühmte oberösterreichische Musikmacher. Ich bald heißen Ali Anton Bruckner. Ist das Beweis von Liebe zu Land?“

Der Beamte, der sein Lesen ob Alis Ausführungen unterbrochen hat, meint: „Das ist sehr schön für Sie. Aber das Verfahren Ihrer Namensänderung ist ja noch nicht abgeschlossen. Haben Sie sonst noch etwas, das als Beweis Ihrer Integrationswilligkeit dienen könnte, Herr Ali?

Herr Ali: „Ich tanzen in Trachtenverein. Leute sagen immer: Schau, da ist Ali in Lederhose. Dann ich Schuhe plattele, damit Leute sehen, dass ich voi integriert bin.“

Beamter: „Also, dem Trachtenverein beitreten ist noch kein Beweis von Integration. Haben Sie sonst nichts vorzuweisen?“

Herr Ali: „Natürlich. Ich Gliedmit in Frauenfreiheitsbund. Ich einzige Mann dort. Ich stimme für das Freiheit von Frau.“

Beamter: „Und wo ist Ihre Frau währenddessen, Herr Ali?“

Herr Ali: „Leila an meiner Seite. Nix Kopftuch, Leila. Leila für alles Frauenfreiheit. Ich kochen zu Hause, Wäsche waschen, Kinder Nase putzen, wischen, moppen – alles ich. Leila Füße hoch lagern, während ich hausarbeiten. Ist freie Frau, meine Leila.“

Beamter: „Ja, Herr Ali. Das ist schön für Ihre Frau, aber es beweist noch nicht, dass Sie hier wirklich integriert sind. Haben Sie sonst gar nichts vorzuweisen?“

Herr Ali: „Doch! Ich jetzt Ministrant in Heilige Friedenskirche. Jeden Sonntag sechs Uhr Morgen rufe ich Gläubige in Kirche wie Muezzin, weil Glocke nix geht. Leute Steine nach mir werfen und schimpfen, aber Ali will beweisen großes Liebe zu Kirche und Land Oberösterreich.“

Beamter: „Nun ja, Kirche ist Glaubenssache und damit Privatsache. Haben Sie sonst keine Zeichen von Integration in ihrer Wahlheimat vorzuweisen?“

Herr Ali: „Doch! Ich spenden an HOSI, trotz Verheiratung. Ich für alles Freiheit von die Homisexuellen. Wie sagen in Österreich: Leben und leben lassen.“

Beamter: „Das ehrt Sie, Herr Ali. Es reicht aber noch nicht, dass ich Ihnen den Einwanderungsstempel auf die Akte drücke. Eine Kleinigkeit müssen Sie mir schon noch liefern.“

Herr Ali: „Ja, Herr Beamte. Ich noch mehr Beweise. Ich schicken halbe Urlaubsgeld zurück an Frau Finanzminister, weil ich nix will Bereicherung. Ich arbeiten in VOEST an Hochofen, dass so heiß, dass ich nix mehr brauchen Urlaub in Süden. Darum halbe Urlaubsgeld Spende für krankes Finanzamt.“

Herr Ali kramt in seiner Jackentasche, zieht einen Überweisungsschein heraus. „Hier ist Beweis. Und ich habe noch Beweis.“ Herr Ali kramt in seiner Jackentasche, Hosentasche links, Hosentasche rechts. „Ah, da es ist. Hier ist Dankschreiben von die Frau Finanzminister persönlich für freiwillige Spende an kaputte Finanzamt Wien.“

Der Beamte studiert beide Scheine, fügt sie dem Akt Atalan bei.

Beamter: „Das bringt Ihnen tatsächlich Punkte, Herr Atalan. Aber es reicht noch nicht, die völlige Integration in Österreich, oder Oberösterreich, zu beweisen. Haben Sie noch irgendetwas vorzubringen, dass das Amt letztendlich überzeugen könnte?“

Herr Ali Atalan: „Ja, doch. Ich letzte Woche erstes Bratl in Reine gegessen. Schön mit Kartüffeln und Stücklkraut. Und ich dazu Most trinken aus Literkrug. Wie echtes Oberösterreicher. Und ich mich bei Frau Annamirl Obermayrhofer angemeldet zu Bratlbratkurs in Reine. Hier ist Broschüre und Schein von Anmeldung.“

Der Beamte studiert den Anmeldeschein. Sein Gesichtsausdruck wird zusehends freundlicher, verliert etwas von der amtlichen Reserviertheit.

Nach dem Studium der Broschüre, nimmt der Beamte den Amtsstempel, drückt ihn in das Stempelkissen, hält bei der Rückführung seines Armes kurz inne und verlautet:

„Danke, Herr Atalan. Das hat das Amt überzeugt. Ab heutigen Datums darf ich Sie als Österreicher, genauer gesagt, echten Oberösterreicher, begrüßen.“

Der Beamte drückt den Stempel auf das Amtspapier. Satt zeichnet sich dieser neben seiner Unterschrift, die er ebenfalls leistet, ab. Freudig lächelnd fährt er fort: „Sie sind hiermit eingebürgert und als tief verwurzelt mit unseren Landen hochachtungsvoll gestempelt und amtsunterschriftlich bescheinigt. Herzlichen Glückwunsch, Herr Atalan, alias Ali Anton Bruckner!“

Herr Ali Atalan, alias Ali Anton Bruckner: „Danke! Danke! Das glückliche Tag für mich. Ich so froh, dass jetzt endlich Integration in Österreich amtlich bestätigt. Danke und wie sagen: Pfia Gott und Salam Aleikum!“